Ich saß in meinem ersten EMDR-Termin und dachte: „Was soll das bringen – Augen bewegen und an die schlimmste Erinnerung denken?“ Drei Monate später hatte ich zum ersten Mal seit 20 Jahren durchgeschlafen, ohne Albträume. So einfach ist es nicht immer, aber ich habe gelernt: Kindheitstraumata lassen sich nicht löschen, aber sie verlieren ihre Macht. Man muss nur die richtigen Werkzeuge haben – und den Mut, sie anzuwenden.
Wie ich gelernt habe, mit meinen Kindheitstraumata umzugehen

Kindheitstraumata zu überwinden ist ein Prozess, der Zeit und Geduld braucht. Die wirksamsten Methoden sind Traumatherapie (z.B. EMDR), somatische Übungen, Tagebuchschreiben, soziale Unterstützung und Achtsamkeit. Wichtig: Ein erfahrener Therapeut begleitet den Prozess.
"Ich war 34, als ich nach einem Panikattacke im Supermarkt endlich eine Traumatherapeutin aufsuchte. Sie ließ mich eine Liste von 50 Erinnerungen erstellen – ich kam auf 47. Der erste EMDR-Termin war so anstrengend, dass ich zwei Tage nur schlafen konnte. Aber nach sechs Sitzungen konnte ich zum ersten Mal ohne Herzrasen an den Geruch von kaltem Zigarettenrauch denken."
Kindheitstraumata sind tiefe Wunden, die oft jahrelang unbemerkt bleiben – bis sie sich in Panikattacken, Beziehungsproblemen oder körperlichen Symptomen zeigen. Standard-Ratschläge wie „einfach loslassen“ oder „nach vorne schauen“ helfen nicht, weil das Gehirn die Erinnerungen nicht wie normale Erlebnisse verarbeitet. Das limbische System speichert Trauma als akute Bedrohung, selbst Jahrzehnte später. Deshalb braucht es Methoden, die wirklich neurologisch wirken – nicht nur positive Affirmationen.
🔧 5 Lösungen
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) hilft, traumatische Erinnerungen neu zu verarbeiten.
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Suchen Sie einen zertifizierten EMDR-Therapeuten — Nutzen Sie die Suchfunktion der EMDRIA Deutschland (emdr.de) oder fragen Sie bei Ihrer Krankenkasse nach. Achten Sie auf die Zusatzbezeichnung 'EMDR-Therapeut'.
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Bereiten Sie eine Timeline vor — Schreiben Sie vor der ersten Sitzung eine Liste mit 10–20 belastenden Erinnerungen, sortiert nach Alter (z.B. 'mit 5: Streit der Eltern', 'mit 8: erste Ohrfeige'). Das hilft dem Therapeuten, den Fokus zu setzen.
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Lassen Sie sich auf die Sitzung ein — Während der EMDR-Sitzung folgen Sie den Fingern des Therapeuten oder einem Lichtpunkt, während Sie an die Erinnerung denken. Es ist normal, dass dabei starke Gefühle hochkommen – der Therapeut begleitet Sie.
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Gönnen Sie sich Ruhe nach der Sitzung — Planen Sie nach jeder EMDR-Sitzung mindestens zwei Stunden ohne Termine. Viele brauchen danach Schlaf oder Spaziergänge – der Verarbeitungsprozess läuft auch nach der Sitzung weiter.
Trauma sitzt im Körper – somatische Übungen helfen, Spannungen zu lösen und das Nervensystem zu regulieren.
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Machen Sie eine Körperreise — Legen Sie sich hin und scannen Sie langsam Ihren Körper von den Zehen bis zum Kopf. Bleiben Sie an Stellen mit Anspannung oder Kälte 20–30 Sekunden bewusst atmen.
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Nutzen Sie die 'Vagusnerv-Übung' — Legen Sie Ihre Hände auf den Hinterkopf und atmen Sie tief in den Bauch. Zählen Sie beim Einatmen bis 4, beim Ausatmen bis 6. Wiederholen Sie das 3 Minuten lang – das aktiviert den Parasympathikus.
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Schütteln Sie die Anspannung ab — Stehen Sie auf und schütteln Sie Arme, Beine und den ganzen Körper für 1–2 Minuten. Das hilft, eingefrorene Energie aus dem Trauma zu lösen – ähnlich wie Tiere nach einer Gefahr zittern.
Strukturiertes Schreiben hilft, Gedanken zu ordnen und Vermeidungsverhalten zu durchbrechen.
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Wählen Sie eine bestimmte Erinnerung — Nehmen Sie eine Situation, die Sie belastet, aber nicht überwältigt. Schreiben Sie 10 Minuten lang ohne Unterbrechung – auch wenn es nur 'Ich weiß nicht, was ich schreiben soll' ist.
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Stellen Sie sich drei Fragen — Nach dem Schreiben beantworten Sie: 1. Was genau ist passiert? 2. Welche Gefühle kamen hoch? 3. Was würde ich dem Kind von damals sagen?
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Verbrennen oder zerreißen Sie das Blatt — Das klingt esoterisch, aber es hilft: Reißen Sie das Geschriebene in kleine Stücke und werfen Sie es weg. Das symbolisiert, dass die Vergangenheit nicht mehr die Macht über Sie hat.
Austausch mit anderen Betroffenen reduziert Scham und Isolation.
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Finden Sie eine Gruppe in Ihrer Nähe — Suchen Sie auf selbsthilfe.de oder bei der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie nach Gruppen für 'PTBS' oder 'Kindheitstrauma'. Viele Gruppen treffen sich online – das senkt die Hemmschwelle.
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Besuchen Sie drei Sitzungen, bevor Sie entscheiden — Die erste Sitzung ist oft unangenehm. Geben Sie der Gruppe eine Chance: Nach drei Treffen wissen Sie, ob die Dynamik passt.
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Teilen Sie nur, womit Sie sich wohlfühlen — Sie müssen nicht alles erzählen. Sagen Sie einfach 'Ich möchte heute nur zuhören' – das ist völlig in Ordnung. Mit der Zeit wächst das Vertrauen.
Achtsamkeit hilft, im Hier und Jetzt zu bleiben, ohne von Flashbacks überwältigt zu werden.
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Atmen Sie mit der 4-7-8-Methode — Atmen Sie 4 Sekunden ein, halten Sie 7 Sekunden, atmen Sie 8 Sekunden aus. Das beruhigt das Nervensystem innerhalb von 2 Minuten. Machen Sie das immer, wenn Sie sich überflutet fühlen.
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Üben Sie den '5-4-3-2-1'-Grounding-Trick — Wenn ein Flashback droht: Suchen Sie 5 Dinge, die Sie sehen, 4, die Sie hören, 3, die Sie fühlen, 2, die Sie riechen, und 1, die Sie schmecken. Das zwingt das Gehirn in die Gegenwart.
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Integrieren Sie kleine Achtsamkeitsmomente — Nehmen Sie sich 3 Mal am Tag 1 Minute: Spüren Sie die Tasse Kaffee in der Hand, den Boden unter den Füßen, den Wind im Gesicht. Das trainiert den 'Gegenwartsmuskel'.
Wenn Sie täglich unter Flashbacks, Panikattacken oder Dissoziation leiden oder wenn Sie Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid haben, brauchen Sie sofort professionelle Hilfe. Auch wenn die Symptome länger als sechs Monate anhalten oder Ihren Alltag stark beeinträchtigen (z.B. Arbeitsunfähigkeit, sozialer Rückzug), ist eine Therapie notwendig. Selbsthilfe kann ergänzen, aber nicht ersetzen.
Kindheitstraumata zu überwinden ist kein Sprint, sondern ein Marathon mit vielen kleinen Schritten. Es gibt Tage, an denen es sich anfühlt, als ob nichts besser wird – und dann plötzlich Momente, in denen du merkst, dass du anders reagierst als früher. Vielleicht lächelst du, wenn du an etwas denkst, das dich früher in Panik versetzt hat. Vielleicht schläfst du eine Nacht durch. Das sind die echten Erfolge. Sei geduldig mit dir selbst und feiere auch die kleinen Fortschritte.
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